cads Mitgliederversammlung und Infotag in Pirmasens

Im Fokus: Kreislaufwirtschaft - Herausforderungen und Chancen
Berlin, Brüssel oder Pirmasens. Egal, an welchem Ort: Hauptsache die Branche trifft sich und, was noch viel wichtiger ist, man tauscht sich aus. Das gilt im Besonderen für die engagierten Mitglieder der Nachhaltigkeitsinitiative cads. Zur turnusmäßigen cads Mitgliederversammlung, die am 22. und 23. Juni 2026 in Verbindung mit dem cads Infotag in den ISC-Räumlichkeiten des Prüf- und Forschungsinstituts Pirmasens e.V. (PFI) stattgefunden hat, kamen über 80 Teilnehmer aus Industrie, Handel und diversen Institutionen. Sie nutzten die Veranstaltung, um sich über die turnusmäßigen Regularien hinaus mit den neuesten EU-Vorgaben und Regulierungen zu beschäftigen. Darüber hinaus spielt der persönliche Austausch für die cads Experten eine wichtige Rolle. Beste Gelegenheit dafür bot das Get-Together, zu dem das Pirmasenser Unternehmen MST-Design am Abend in sein Headquarter geladen hatte.

Spannende Perspektiven mit Blick auf das vielschichtige Thema „Laufsohle“ bot das so genannte World Café. An insgesamt fünf Stationen konnten sich die cads Mitglieder mit den verschiedenen Sohlenmaterialien PU, TPU, TPR, EVA und Gummi beschäftigen. Unterstützt durch Experten von Materialherstellern, Schuhproduzenten und Chemieindustrie wie Forschung, darunter BASF, Framas, Nora Systems, OK Gummiwerk, Pyrum und dem PFI erhielten die Gäste interessante Einblicke in Herstellungsprozesse, Anwendungsmöglichkeiten, Materialinnovationen und Recycling. „Das World Café ist ein sehr gutes, interaktives Tool zur Wissenserweiterung. Die Branche benötigt diese Art von Erfahrungsaustausch und das PFI bietet dafür den perfekten Rahmen“, so cads Geschäftsführer Torben Schütz.
Auch Sven Reimers von Lloyd ist begeistert: „Exzellente Fachleute geben hier Input und Detailtiefe. Man bräuchte fast noch mehr Zeit, um intensiv in die einzelnen Thematiken einzusteigen.“ Neben der Zusammensetzung der einzelnen Sohlentypen suchten die Teilnehmer praktische Hinweise, effektive und bezahlbare Recycling-Wege einschlagen zu können. „Leider ist Recycling oft zu teuer. Das ist das Kernproblem“, resümierte Markus Nelke zum Thema PU-Sohlen.
Bürokratieabbau gefordert
Neben der turnusmäßigen cads Mitgliederversammlung wartete der zweite Tag mit einem umfangreichen und anspruchsvollen Programm auf. Diverse Referenten und Projektgruppen berichteten über neueste Entwicklungen und kommende Regularien aus EU-Sicht. Der cads Vorsitzende Andreas Tepest betonte: „Die cads angeschlossenen Unternehmen arbeiten schon immer vorbildhaft, das heißt, sie arbeiten zum Teil nach strengeren Vorschriften als es die Umwelt- und Sozialstandards offiziell vorgeben.“ Von der Politik fordert Tepest Bürokratieabbau und praxisnahe Systeme für einzelne Produkte in den EU-Mitgliedsstaaten im Hinblick auf eine erweiterte Herstellerverantwortung (EPR). Ein Riesenthema stellt das geplante Textilgesetz dar. Hier soll cads eine noch größere Rolle spielen und sich stärker in die Prozesse einbringen. Der cads Vorsitzende plädierte dafür, Synergien zu nutzen, aber auf keinen Fall Bekleidung und Schuhe in einen Topf zu werfen. „Werden Sie aktiv. Treten Sie mit Ihren lokalen Politikern in den Dialog“, ermutigte Tepest die anwesenden Vertreter namhafter Unternehmen.

Fest steht: Das Thema Nachhaltigkeit mit seinen vielen Facetten stellt die Schuh- und Lederbranche vor riesige Herausforderungen. Die cads Mitglieder mit bestem Beispiel und Expertise voran. Dafür stehen unter anderem die Aktivitäten der diversen Arbeits- und Projektgruppen, die ihre aktuellen Projekte und Forschungsergebnisse mit Engagement vorantreiben. In Pirmasens berichtete unter anderem Dr. Ines Anderie (PFI) über den aktualisierten EU-Beschränkungsvorschlag für PFAS und die gesetzlichen Regelungen in weiteren Ländern. Neueste Erkenntnisse, Prüfmethoden und die nächsten Schritte zur praktischen Anwendung des Product Environmental Footprint (PEF) zeigten Dominic Bergmeister (Deichmann), Dr. Johannes Augustin Menges (PFI) sowie Dr. Benedikt Hendan und Siyang Sun vom TÜV Süd auf. Nach wie vor, so die Experten, bereiteten die diffizile Beschaffung von Daten bei den Lieferanten, aber auch Sprachbarrieren erhebliche Probleme. „Wir müssen die kommenden Jahre gemeinsam und intensiv zur Vorbereitung auf den PEF nutzen. Ziel ist ein einheitliches Branchenverständnis und bestenfalls die Etablierung eines Branchenstandards“, appellierte Andreas Tepest an die cads Mitglieder.
Lernen, fördern, anwenden
Die Bedeutung von Forschungsprojekten bei der Begleitung von Regulatorik zeigt das EU-Horizon-Projekt STEPH. Mit diesem Projekt mit Fokus auf Heimtextilien und Schuhen soll die Umsetzung der EU-Ökodesignverordnung unterstützt werden. Dabei werden Nachhaltigkeitsanforderungen für Heimtextilien und Schuhe definiert. Carolin Weidner-Cowalski von Deichmann und Luana Ladu von der TU Berlin stellten in Pirmasens das Projekt, die Partner und Inhalte vor.
Dr. Tatjana Hubel vom PFI (ISC) präsentierte die Erasmus+-Projekte ISVO und METASKILLS4TCLF. Letzteres zielt darauf ab, alle Ziele der Allianzen für sektorale Zusammenarbeit im Bereich der Kompetenzen („E+ Blueprint“) zu erreichen und dabei die Säulen der EU PACT4SKILLS TCLF-Charta zu verknüpfen, die im Dezember 2021 ins Leben gerufen wurde. „Es geht darum, die Unternehmen bei der digitalen und grünen Transformation zu unterstützen, während disruptive Lernmethoden übernommen werden, die dazu beitragen, junge Generationen anzuziehen“, motivierte Hubel die Teilnehmer zur aktiven Mitarbeit.
Philip Schmermund (Wortmann) brachte die Teilnehmer auf den neuesten Stand der EU-Verpackungsverordnung PPWR. Weil die Verordnung unterschiedliche Pflichten für die unterschiedlichen Marktbeteiligten vorsieht, gelte es zunächst festzustellen, welche Rolle der Schuhhersteller einnimmt. Dafür hat die cads Projektgruppe PPWR typische Standardprozesse bei der Fertigung skizziert und entsprechende Rollen zugeordnet. Gemeinsam mit dem Unternehmen Valantic wird ein Handbuch zur rechtssicheren und standardisierten Umsetzung veröffentlicht.
Über die neuesten Entwicklungen bei der EUDR (EU-Entwaldungsverordnung) referierte Dr. Martin Kleban, Geschäftsführer beim Verband der Deutschen Lederindustrie e.V. (VDL). Seit der ersten Veröffentlichung des Verordnungstextes gab es diverse Änderungen beim Inhalt und den Deadlines. In seinem Vortrag fasste Kleban den heutigen Stand zusammen, während Dr. Thomas Fehn von Fraunhofer Umsicht zum Schluss der Veranstaltung das Projekt AUTOLOOP vorstellte. Mit dem Projekt AUTOLOOP will man ein System aufbauen, mit dem bis zum Jahr 2050 jährlich 1,24 Millionen Tonnen Textilabfälle verwertet und potenziell über 130.000 Arbeitsplätze in der gesamten EU geschaffen werden könnten. Dafür sollen automatisierte Sortier-, Rückverfolgungs- und Closed-Loop-Recyclingtechnologien für Textilien auf Polyesterbasis entwickelt, getestet und in einem Kreislauf integriert, um die dringende Herausforderung der Textilabfallentsorgung anzugehen. Fehn sagt: „Die Textilindustrie befindet sich an einem kritischen Punkt. Dieses Projekt steht für einen Paradigmenwechsel von Abfall zu Ressource, indem ausrangierte Kleidung in wertvolle Rohstoffe für neue Kleidungsstücke umgewandelt wird.“
Geballtes Wissen, viele Herausforderungen, Anforderungen und Verordnungen. Aufklärung tut wahrlich Not. „Nicht zuletzt aber geht es darum, rechtzeitig und an den richtigen Stellen Präsenz zu zeigen, mit der Politik in den Dialog zu treten und die Öffentlichkeit zu informieren“, appellierte der cads Vorsitzende an die Mitglieder, sich und möglicherweise neue Mitglieder aktiv bei cads einzubringen.“